Halte den Sabbat

Predigt am 3. Juni 2018

Der Sabbat bzw. der Sonntag – ein Ruhetag jede Woche  – ist eine der grossen Beiträge der jüdisch-christlichen Tradition an das Leben in unserer Gesellschaft. Jede Woche ein Ruhetag. Aber warum eigentlich? Was ist der Sinn davon? Geht es einfach darum, Luft zu schöpfen und Kraft zu tanken, um für die nächste Arbeitswoche wieder fit zu sein? Das ist schon viel, aber im Bibeltext aus dem Buch Deuteronomium, den wir gehört haben, geht es um etwas anderes. Der Sabbat ist dafür da, dass wir uns erinnern.: „Denk daran -als du in Ägypten Sklave warst, hat dich der Herr, dein Gott, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm dort herausgeführt. DARUM hat es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht, den Sabbat zu halten.“ (Deuteronomium 5)

Der Sabbat ist ein Erinnerungstag. Das Volk Israel sollte sich an seine eigene Geschichte erinnern. sollte sich erinnern, woher sie gekommen sind. Dass sie einst Sklavinnen und Sklaven waren in einem fremden Land, dass sie ausgebeutet wurden und dass ihre Kinder nicht in Würde und Freiheit aufwachsen konnten. Vergesst eure Geschichte nicht, sagt der Sabbat. Das prägt eure Zukunft: Vergesst nicht, wohin ihr nie wieder wollt. Vergesst nicht, wie wichtig die Freiheit und der aufrechte Gang sind. Für euch. Und für alle. Haltet den Sabbat, damit ihr nicht zu Sklavinnen und Sklaven werdet. Und nicht zu Sklavenhaltern. Der Sabbat ist ein Raum der Freiheit und der Solidarität.

Das Gebot, den  Sabbat zu halten, gibt es mehrmals in der Bibel. Wie so viele Texte. An einer anderen Stelle wird das Sabbatgebot damit begründet, dass Gott die Welt in 6 Tagen erschaffen und am siebten Tag geruht hat. Die Schöpfung, das Leben in der guten Ordnung Gottes hat einen Rhythmus. Der Sabbat dient auch hier der Erinnerung. Der Erinnerung daran, woher wir kommen und wohin wir wieder wollen. Der Erinnerung an die Schöpfung und das Paradies, das uns sozusagen in den Genen steckt. Die Erinnerung an die Anfänge ist zugleich die Hoffnung für das, was werden soll, was werden kann aus uns, im Reich Gottes, wenn Gottes Lebenskraft alles verändert: Das Leben wird nicht mehr mühsam sein. Niemand wird mehr zur Beute des Anderen. Die Würde aller Geschöpfe wird offenbar. Der Sabbat ist ein Zeitraum, in der das schon erfahrbar ist. Wir spielen sozusagen schon das, was uns verheissen ist. Was wir einmal sein werden: Freie im Land der Freiheit. Wir ziehen schon mal die Festkleider der Töchter und Söhne Gottes an und fangen an zu feiern. Wir essen und trinken und singen und erzählen, als wäre das wahre Leben schon da.

Nichts kommt, wenn es nicht vorgespielt und vorfabuliert wird. Wenn wir es nicht schon in Zeichen und Worten und Tönen ahnen, erkennen, am Horizont erscheinen lassen. Die Schönheit der Welt und des Lebens erscheint. Was macht Menschen schön? Nicht nur das, was wir jetzt schon sind und können. Das auch. Aber auch unsere Sehnsucht und unsere Wünsche machen uns schön. Unsere Schönheit wächst,  wenn wir träumen. In diesen Träumen sprechen wir der mühseligen und unvollkommen Gegenwart ab, dass sie schon alles ist. Die Gegenwart hat nicht das Recht, sich als die endgültige Welt aufzuspielen.

„Eines Tages wird es sein“ – da ist die grosse biblische Formel. Sehnsucht und Protest zugleich. das was heute ist, ist noch längst nicht alles. Und darf nicht alles sein – im Namen der Opfer unseres heutigen Systems, unseres Lebensstils, der herrschenden Weltordnung. Wir sind Menschen so lange wir nach dem Land der Freiheit Ausschau halten, uns nach ihm sehnen und es im Spiel und im Fest schon mal anklingen lassen. Wir sind Kinder dieser Welt und wir sind Söhne und Töchter einer anderen Welt. Wie sind nicht nur die, die wir sind. Wir sind auch die, die wir werden können. Wir sind nicht nur der Mann, dessen Hand verdorrt ist. Wir sind nicht nur die Frau, deren Rücken gekrümmt ist. Nicht nur die Arbeiterin und der Arbeiter, die sich abmühen und sich und ihre Familie trotzdem kaum durchbringen. Nicht nur der Mensch, dessen Wert sich nach dem Einkommen und dem Kontostand berechnet. Wir sind Königskinder und Gotteskinder, voller Würde. Alle. Auch die, gerade die, die jetzt noch Knechte sind und Sklavinnen, Fremde und Ausgebeutete. Nicht nur Menschen, auch Tiere, die ganze Schöpfung ist voller Würde. Will leben, soll leben – in der Gegenwart Gottes. Am Sabbat wird das spürbar.

Für einen Tag verweigern wir uns dem Reich der Zwänge, dem scheinbar Unveränderbaren, dem „wie soll das gehen“. Dem Zwang alles zur Ware werden zu lassen und auf dem Markt preiszubieten. Dem Zwang alles verdienen zu müssen. Dem Zwang jederzeit fit und perfekt und leistungsfähig zu sein, 24 Stunden, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Dieser herrschende Zwang ist ein Götze. Ein Gott der Atemlosigkeit. Ein Gott, der uns immer beschäftigt. Unser Gedächtnis auslöscht. Keine Rhythmen mehr zulässt. Keine gemeinsamen Feiern mehr zulässt, weil jeder in seinem eigenen, mörderischen Tempo unterwegs ist und versucht, schneller zu sein als die anderen, besser reicher. Dieser Götze ist mächtig und hat uns oft im Griff. Er stellt Regeln auf für unser Leben und wir folgen ihnen oft. Aber eigentlich wissen und spüren wir doch, wie absurd sie sind. Wer mehr besitzt als die anderen, wenn er stirbt, hat gewonnen. Wollen wir wirklich nach dieser Regel leben? Was haben wir dann gewonnen? Verloren haben wir auf jeden Fall uns.

Aber auch der Sabbat, auch der Sonntag kann zum Götzen werden. Kann uns beherrschen als auferlegte Pflicht, die uns klein macht, die uns einzwängt, die uns einander kontrollieren lässt. Der Sabbat ist für den Menschen da. Auf diese klare Formel bringt es Jesus. Diese Meinung teilt er durchaus mit vielen jüdischen Menschen. Gegen diese Freiheit gibt es Widerstand in Kreisen, in denen der Sabbat selbst zum Götzen der Unfreiheit wird, das sind jüdische und christliche Kreise. Deswegen:  Denk daran, dass du Sklave warst und in die Freiheit geführt worden bist – darum halte den Sabbat. Nicht um kleinlich zu sein, sondern um gross zu werden, aufrecht, würdevoll. Halte die Sehnsucht danach wach! Darum halte den Sabbat.

Wie leben wir den Sabbat? Den Sonntag? Wo und wie wird das Leben in Freiheit und Solidarität und die Würde von Gottes Geschöpfen sichtbar, die allen verheissen ist?  Wo und wie fängt das an? Wo und wie spüren wir es? Wo und wie spüren Sie es? Was macht für Sie den Sonntag aus? Was wünschen Sie sich und uns allen, dass an Sonntäglichem Leben erhalten bleibt?

Ich lade Sie ein, in der nächsten Woche diesen Fragen nachzugehen. Ich lege dafür hinten am Aus-und Eingang der Kirche dieses rote Buch auf: sonntags heisst es und sammelt Geschichten und Gedichte und Gedanken zum Sonntag. Eine weite Vielfalt, eine tiefe Fülle. Lesen Sie darin, lassen Sie sich anregen davon. Alle Gebete der heutigen Feier sind aus diesem Buch. Und wenn Sie wollen, schreiben Sie selbst Gedanken zum Sonntag auf – in das Heft, das danebenliegt. Erinnern Sie sich an das, was ihren Sonntag zum Sonntag macht. Träumen Sie davon, was den Sonntag zum Sabbat macht, zum Vorgeschmack des Paradieses. Teilen Sie es mit anderen.

Amen.